Frauen in den Zeiten von Corona

Vier Unternehmerinnen berichten von ihren Erfahrungen in den vergangenen Monaten, von Auswirkungen auf Rollenbilder und davon, was sich dringend ändern sollte.

Marcia Behrens führt die Fapack und teilt sich die Kinderbetreuung mit ihrem Mann

Marcia Behrens führt die Fapack und teilt sich die Kinderbetreuung mit ihrem Mann. Foto: André Wagner/IHK Berlin

Marcia Behrens: Geschäftsführende Prokuristin Fapack

Ich bin in der fünften Generation in unserem Familienunternehmen, dem Verpackungshersteller Fapack, tätig, das inzwischen seit 150 Jahren am Markt ist. Im letzten Jahr sind mein Mann, der auch in der Firma arbeitet, und ich Eltern geworden. Seit Corona weiß ich umso mehr, was es bedeutet, den Haushalt zu schmeißen, einzukaufen usw. Das ist ein Fulltime-Job. Nur wenn Männer und Frauen das gleichermaßen machen, merken sie das. Ich sehe das Risiko, dass Frauen durch Corona wieder in die Haushaltsrolle zurückfallen, auch wenn es bei mir selbst nicht der Fall ist, denn mein Mann und ich teilen uns Betreuung und Hausarbeit gleichmäßig auf. Mit einem Kind ist es nicht möglich, effektiv nebenbei zu arbeiten. Eine Überforderung ist vorprogrammiert. Man wird keinem gerecht und am wenigsten sich selbst.

„Frauen müssen in Führungspositionen gelangen und dadurch sichtbarer werden.” Marcia Behrens
Die Gesellschaft braucht nicht nur emanzipierte Frauen, sondern auch emanzipierte Männer. Ich denke, erst wenn es auch für Männer normal ist, dass Frauen mehr verdienen als sie, kann man von Gleichberechtigung sprechen. Auch die Konkurrenz unter Frauen, wer eine „gute Mutter“ ist, sollte aufhören. Frauen müssen in Führungspositionen gelangen und dadurch sichtbarer werden. Genauso sollten mehr Männer klassische Frauenrollen übernehmen. Die Akzeptanz für beide Seiten sollte stärker werden, und keiner darf als schwach gelten.
Fordert die Politik zum beherzten Handeln auf: Larissa Zeichhardt
Fordert die Politik zum beherzten Handeln auf: Larissa Zeichhardt. Foto: lat.de
 

Larissa Zeichhardt: Geschäftsführerin LAT

Mein Vater ist an einem Herzinfarkt gestorben, und ich bin quasi über Nacht in das Familienunternehmen gekommen. Meine Schwester Arabelle Laternser war bereits hier tätig, inzwischen führen wir gemeinsam den Betrieb. LAT bietet vom Anlagenbau bis hin zur Videoüberwachung Dienstleistungen und Produkte an, und wir haben zum Glück trotz Covid-19 genug Aufträge gehabt. Eins der großen Probleme war die Situation für Eltern. Eine zuverlässige Kinderbetreuung ist die wichtigste Grundlage für einen erfolgreichen Arbeitstag. Gerade in den gewerblichen Berufen ist die Sicherheit gefährdet, wenn Mitarbeiter unausgeschlafen in die Nachtschicht kommen, weil sie tagsüber auf ihre Kinder aufpassen müssen. Wir finden, die Länder und auch der Bund hätten für effektive Lösungen sorgen müssen. Das Elterngeld war meiner Meinung nach ein Freifahrtschein für Unternehmen, die Mütter loswerden wollten. Kein Arbeitsplatz kann acht Wochen unbesetzt sein, es wird also Ersatz gesucht. Die Entschädigung von maximal 2.016 Euro für bis zu sechs Wochen sagt im Grunde auch aus: Betreuung ist weniger wert als Arbeit. Jetzt haben wir übermüdete Eltern und Arbeitgeber, die überlegen, wie sie die Lücke zwischen Lohnkosten und Einnahmen schließen können.

„Das Elterngeld war ein Freifahrtschein für Unternehmen, die Mütter loswerden wollten.” Larissa Zeichhardt

Dass Frauen nach wie vor stark benachteiligt sind, wird besonders bei der Verteilung von Führungspositionen deutlich. Wir müssen nur die Zahlen lesen. Hier ist die Politik gefragt. Zuallererst sollte sie die eigenen Reihen zu gleichen Teilen besetzen. Und außerdem: Es kann nicht sein, dass wir Frauen immer noch ein Mandat im Vorstand oder Aufsichtsrat abgeben müssen, wenn wir ein Kind bekommen. Wozu denn bis nach oben aufsteigen, wenn dann eh das Ende kommt?

Farina Schurzfeld plädiert dafür, die Visibilität von Role Models zu etablieren

Farina Schurzfeld plädiert dafür, die Visibilität von Role Models zu etablieren. Foto: Jürgen Sendel Pictureblind

Farina Schurzfeld: Gründerin Selfapy

Selfapy bietet Online-Soforthilfe für Menschen, die unter psychischen Belastungen leiden. Ich habe das Unternehmen gegründet und bin CMO, das heißt, ich kümmere mich um das Thema Wachstum, also Marketing sowie Kooperationen und Internationalisierung.

„Ein guter Manager, egal ob Frau oder Mann, ist empathisch und selbstreflektiert.” Farina Schurzfeld

Ich selbst habe keine spezifischen Herausforderungen zu bewältigen, weder vor noch während der Corona-Zeit. Aber für Frauen mit Kindern stelle ich es mir anspruchsvoller vor. Für mich gibt es auch keinen typisch weiblichen oder männlichen Führungsstil und ich mag die Unterscheidung nicht, da sie meiner Meinung nach Rollenbilder eher festigt. Ein guter Manager, egal ob Frau oder Mann, ist meiner Meinung nach selbstreflektiert, empathisch, fördernd und führt individuell. Ich persönlich präferiere eine Mentorenrolle, denn sie bringt Freiheit und Verantwortungsbewusstsein mit sich.

Nicole Groß nutzt die Krise für die Weiterentwicklung ihrer Produkte

Nicole Groß nutzt die Krise für die Weiterentwicklung ihrer Produkte. Foto: ZIBB Zahlungssysteme GmbH

Nicole Groß, Gründerin: ZIIB Zahlungssysteme

In der Payment-Branche wundert man sich, dass ich ein etabliertes Unternehmen aufgebaut habe, mit zehn Mitarbeitern und mit einem geplanten Umsatz in diesem Jahr von 1,5 Millionen. Schon davor habe ich die Erfahrung gemacht: Ich musste immer mindestens 20 Prozent bessere Ergebnisse erzielen als ein Mann, um Anerkennung zu bekommen. Ich glaube, dass der weibliche Führungsstil viel partnerschaftlicher und respektvollerer ist, da wir Frauen uns genau diesen Respekt in der Zusammenarbeit mit männlichen Führungskräften immer wünschen. Das sogenannte „weibliche Einfühlungsvermögen“ kommt auch zum Zuge. Unternehmen sollten sowohl das mobile Arbeiten als auch ihr Angebot für die Kinderbetreuung erhöhen, um Frauen zu ermöglichen, Führungspositionen einzunehmen.

„Eine Frau muss mindestens 20 Prozent bessere Ergebnisse erzielen als ein Mann.”Nicole Groß

In der Corona-Krise sind unsere Umsätze um 90 Prozent eingebrochen. Ich habe alle Mitarbeiter in 50 Prozent Kurzarbeit geschickt und ins Homeoffice. Durch die finanziellen Zuschüsse vom Land Berlin und von der Bundesregierung mussten wir aber niemanden entlassen. Wir haben nach Lösungen gesucht, neue Kunden zu akquirieren und das Marktsegment hygienischer und kontaktloser Kartenzahlungen für Wochenmärkte und Verkaufsstände für uns entdeckt. Außerdem haben wir uns deutlich mehr mit der Weiterentwicklung unserer App beschäftigt. Das wäre bei einem normalen Geschäftsbetrieb nicht möglich gewesen.

Ich sehe diese Zeit auch als Chance für Frauen mit Kindern, denn sie können sich im Homeoffice die Zeit besser einteilen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass schon in Schulbüchern Frauen abgebildet sind, die einen Konzern leiten.

 

von Melanie Engler, erschienen in „Berliner Wirtschaft“ Ausgabe 07+08/2020: https://www.berliner-wirtschaft.de/fachkraefte/frauen-corona/